Freihändig. Endlich ganz nebenbei Zähneputzen? Bild: promo

Der Schnuller, den wir uns alle wünschen

Eine neue Zahnbürste soll das Zähneputzen auf zehn Sekunden verkürzen. Geld gesammelt wurde per Crowdfunding – ganz auf Risiko der Kunden.

Gute Nachricht: Unser Leben wird bald noch bequemer. Keiner muss sich mehr eine Bürste in den Mund stecken und minutenlang monotone Bewegungen ausführen. Es reicht, kurz auf eine hufeisenförmige Plastikleiste zu beißen. Auf dieser sitzen über 80 simultan putzende Miniaturborsten - nach zehn Sekunden soll das komplette Gebiss sauber sein. Wieder etwas Lebenszeit gespart, die man dann auf Twitter vergeuden kann.

Das revolutionäre Gerät heißt V-White. Weil die Putzleiste an einer Tragevorrichtung fixiert ist, die während der Benutzung aus der Mundhöhle ragt, wirkt es auf Außenstehende, als sauge man an einem riesigen Schnuller. Doch egal. Die Vorteile überwiegen.

Der Schwarm soll es bezahlen

Noch kann man den V-White nicht kaufen. Er muss erst gebaut werden. Ein kleines Unternehmen aus San Francisco hat ihn konzipiert und betreibt derzeit Crowdfunding - bittet also Interessierte im Internet um Geld, damit das Gerät zur Marktreife gebracht und die Massenproduktion gestartet werden kann. Das Prinzip Schwarmfinanzierung wurde vor neun Jahren durch die Plattform „Kickstarter“ populär, in den USA und auch in Deutschland hat Crowdfunding seitdem etlichen jungen Firmen geholfen, ihre Ideen umzusetzen, ohne einen Kredit aufzunehmen.

Die Erfinder des V-White versprechen, ihr Gerät werde Zähne nicht bloß reinigen, sondern auch schonend aufhellen. Sie haben bereits eine halbe Million US-Dollar eingesammelt - deutlich mehr, als sie offiziell benötigen. Dennoch ist ihr Erfolg leider nicht garantiert.

Zu den Nachteilen des Finanzierungsmodells zählt das Risiko für die Förderer. Im schlimmsten Fall wird die Idee nie umgesetzt, etwa weil sich die unterstützte Firma verkalkuliert und vorzeitig pleitegeht oder weil das Gerät letztlich nicht wie gewünscht funktioniert. Was klappt und was nicht, ist dabei schwer vorhersagbar.

Wie oft irrt sich der Schwarm?

Zum Beweis ein kleines Quiz: Sämtliche der folgenden Crowdfunding-Projekte wurden in der Vergangenheit tatsächlich versucht, aber welche schafften es zur Marktreife?

  1. Eine Rasierklinge, die Barthaare per Laser entfernt.
  2. Ein flaches Stück Kunststoff namens „Nophone“, das abstinente Smartphone-Süchtige in der Hand halten können, um ihr Gerät nicht zu vermissen.
  3. Ein Auto mit drei Rädern.
  4. Ein Ball mit 36 Kameras, der Rundum-Panoramabilder liefert, sobald man ihn in die Luft wirft.
  5. Ein T-Shirt, dessen obere 40 Zentimeter wie ein Anzug aussehen - gedacht für Menschen, die bei Skype-Konferenzen seriös wirken möchten.
  6. Die Picknick-Kühlbox „Coolest Cooler“ mit integriertem BluetoothLautsprecher, Mixer und USB-Ladestation.
  7. Eine App, die nach dem Tod ihres Benutzers jahrelang vorab gespeicherte Nachrichten an Freunde verschickt.
  8. Die Bibel als Computerspiel.
  9. Eine für Vielflieger konstruierte Jacke, in der man Kopfhörer, Brille, Stifte, Nackenkissen und anderen Kram verstauen kann, um sie bei der Flughafenkontrolle nicht einzeln aus der Hosentasche ziehen zu müssen.
  10. Die Onlineplattform „Who is dating my daughter“, auf der Singles wie bei Tinder miteinander flirten, vor einem Treffen im echten Leben aber erst die Eltern um Erlaubnis bitten müssen.
  11. Eine Mini-Drohne, die ihrem Benutzer überallhin folgt.
  12. Eine Wasserflasche, die aufleuchtet, wenn es Zeit für den nächsten Schluck ist, um das gewünschte Tagespensum zu erreichen.


Tatsächlich umgesetzt wurden am Ende nur Nummer 2, 4, 9 und 12. Nummer 6 scheiterte, weil die Gründer u.a. ihr Geld heimlich in Strip-Clubs verprasst haben sollen.

P.S.: Inzwischen sind die ersten Modelle der V-White an die Förderer ausgeliefert. Die Reaktionen sind verheerend. Auf der Crowdfunding-Seite von V-White reiht sich eine Rückzahlungsforderung an die nächste.

Diese Kolumne ist in gedruckter Form im Sonntags-Magazin des Tagesspiegels erschienen. Sie können ihm auf Twitter unter @TSPSonntag folgen.