Geh mir aus der Blase! Der Autor weigert sich, den Filterblasen an allem die Schuld zu geben. Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Ich lebe in keiner Filterbubble

Die sozialen Medien drängen uns in Meinungsghettos? Falsch, sie bilden vor allem ab, was die Menschen auch in der analogen Wirklichkeit spaltet: soziale Konflikte.

Ich lebe in einer Blase, holt mich hier raus! So ungefähr brüllt es durch die Echokammer der Medienbetriebe, seit ein alter brüllender Mann zum Präsidenten der USA gewählt wurde. Die Algorithmen scheinen die Politik übernommen zu haben, Facebook den Meinungsbildungsprozess, Instagram die Weltsicht. Kind, ich habe dir immer gesagt, das mit diesem Internet, das kann nicht gut gehen!

Ich lebe nicht in einer Blase. Blasen sind leicht, filigran, dehnbar und oft bunt. Schön wär’s, wenn mein Leben so wäre. Ich lebe in Berlin. So rosig ist es hier nicht.

Algorithmen sind Pragmatiker

Doch einen Schritt zurück. Der Bubble-Vorwurf geht grob so: Google und Facebook merken sich, welche Suchergebnisse und Posts mich am meisten interessieren, und zeigen mir dann nur noch Ergebnisse, die bestätigen, was ich oder meine Freunde sowieso schon denken. Stehe ich der AfD nahe, werden mir immer mehr AfD-nahe Inhalte angezeigt, folge ich den Grünen, bekomme ich nur noch mehr Weltretterpropaganda gezeigt.

Natürlich ist dieses Argument nicht falsch. Es ist aber auch das, was Automatisierungsängste in der Geschichte so oft waren: eine im besten Fall uninformierte, im schlechtesten Fall feige Ausrede. Denn das Argument unterschlägt, auf was Google und Facebook aufbauen: auf sozialer Realität nämlich. Algorithmen merken sich einfach, was wir tun, sie sind hemmungslose Pragmatiker. Wenn wir uns die meiste Zeit im selben Kiez, in einem kleinen Kreis von Menschen, unter denselben Kollegen und im gleichen Bildungsmilieu herumtreiben, dann merken sich die Algorithmen das – und verstärken es möglicherweise. Schuld an den allgegenwärtigen Katzenvideos sind also nicht soziale Medien, sondern die Tatsache, dass es auf der Welt absurd viele Menschen gibt, die Katzen lieben.

Filterblase Heimatdorf

Aber noch einen Schritt zurück. Früher, in der Zeit vor den sozialen Medien, hießen Filterblasen nicht Filterblasen, sondern „Heimatdorf“, „Familie“, „Arbeitsplatz“, „Nationalstaat“ oder „Fußballverein“. Solche Umfelder waren es, die bestimmten, worüber man sich unterhielt, in welchen Kategorien man dachte, wem man zuhörte und wem gegenüber man Vorbehalte hatte. Denn es war ja nicht so, dass die Berliner Industriearbeiterschaft des 19. Jahrhunderts nach Feierabend Brieffreundschaften mit fernen Völkern oder dem politischen Gegner pflegte.

Ist das Leben in Berlin also wirklich blasiger geworden? Auf Facebook erzählen mir Menschen, die ich aus anderen Teilen der Welt kenne, was sie von Trumps Erfolg halten oder warum sie seit dem Brexit überlegen, nach Berlin zu ziehen. Zugleich erinnert mich der junge Verkäufer aus dem Späti in meinem Neuköllner Haus, der eigentlich Informatikstudent ist, jeden Tag daran, dass nicht alle die gleichen Aufstiegschancen haben, dass manche nachts arbeiten müssen, um tagsüber studieren zu können. Die Obdachlose vor der U-Bahn erinnert mich daran, wie leicht es ist, durchs Raster zu fallen. Die New Yorker, Londoner und Madrilenen an den Theken der Cafés erinnern mich daran, dass Berlin endlich international geworden ist. Und die Gespräche in den Eckkneipen der Gegend zeigen mir, dass nicht alle mit dieser Internationalität etwas anfangen können, dass andere hier abgehängt, unfreiwillig arbeitslos und zu Teilen stolz darauf sind, die AfD gewählt zu haben. Ob die Facebook haben, weiß ich nicht.

Blase als Ausrede

Hier nähern wir uns dem, wofür die Bubblediskussion oft als Ausrede dient: nämlich klassischen sozialen Konflikten – zwischen Stadt und Land, Jung und Alt und vor allem zwischen Arm und Reich. Mit der digital beschleunigten Konzentration von immer mehr Geld in immer weniger Händen steigt die Zahl der Abgehängten, Ungebildeten, Unverwertbaren, der Armen. Die machen ihrem ungerichteten Ärger Luft – und zwar, wie so oft in der Geschichte, gegen die noch Schwächeren: Migranten, Frauen, Homosexuelle.

Wenn wir das ändern wollen, reicht es nicht, an Algorithmen zu schrauben. Wir müssen nicht nur damit aufhören, Menschen aus unserer Timeline zu verdrängen, wir dürfen sie auch nicht aus unserer Stadt verdrängen. Sie glauben mir nicht? Im Zweifel endet Ihre Filterblase an der nächsten Straßenecke – da, wo Sie jemand nach einem Euro fragt.

Dieser Text erschien zunächst gedruckt als Rant in der Tagesspiegel-Samstagsbeilage Mehr Berlin.