Geburtshelfer. Christophe Maire, 50, investiert vor allem in junge Startups mit großer Vision. Foto: Doris Spiekermann-Klaas

»Sich gegen die Zukunft zu wehren, wird nichts bringen«

Der Investor Christophe Maire hat erfolgreich Startups wie Soundcloud, Monoqi oder StudiVZ mitfinanziert. Im Interview spricht er über Wagniskapital, die Zukunft der Arbeit und bedingungsloses Grundeinkommen.

Herr Maire, Sie haben es zu Ihrer Spezialität gemacht, möglichst früh in Startups zu investieren, beispielsweise in die Musik-Plattform Soundcloud oder in die Foto-App EyeEm. Was reizt Sie an dieser Rolle als sogenannter Angel Investor?

Ich finde es spannend in der Anfangsphase einzusteigen, dann, wenn das Geschäftsmodell noch gar nicht klar und das Team noch nicht ganz geformt ist. In dieser sogenannten Seed-Phase investiere ich und versuche, aus dem Start-up eine relevante Firma zu machen.

Sie sind Schweizer, haben in New York studiert. Warum investieren Sie ausgerechnet in Berlin?

In Europa gibt es keinen besseren Standort als Berlin, um digitales Unternehmertum zu betreiben. Hier hat sich inzwischen ein echtes Ökosystem für Startups gebildet. Hinzu kommt, dass Berlin gesellschaftlich sehr offen ist, auch von außerhalb kommen Leute gerne hierher – und talentierte Unternehmer zu haben, ist ein entscheidendes Element für ein Start-up-Ökosystem.

So wie jetzt haben Sie aber nicht immer von Deutschland geschwärmt. Noch vor zwei Jahren kritisierten Sie, dass hier zu wenig in die Gründerszene investiert wird.

Das hat sich verbessert – aber noch nicht ausreichend. Deutschland investiert real weniger als 20 Prozent in Innovation im Vergleich zu den USA oder auch China. Diese Lücke ist schon dramatisch.

Der Bund bietet Wagniskapitalgebern bereits eine Förderung – die allerdings nur zum Bruchteil abgerufen wird. Welche Maßnahmen können Staat und Senat treffen, um effektiv Fortschritte zu fördern?

»Startups are the new normal.« Christophe Maire beim Startup Europe Summit 2015 über Mythen zum Verhältnis von Wirtschaft und Gründerszene.

20 Prozent der neuen Jobs in den USA sind durch Innovationskapital entstanden. Ein Großteil der Firmen, die dort heute börsengelistet werden, sind aus Wagniskapital gegründet worden. Wenn man bei der Förderung von Innovation nicht versucht, gleichauf zu sein, dann darf man sich später nicht wundern, dass hier weniger Früchte geerntet werden. In den USA fand die Förderung vor 40 Jahren schon statt – heute gibt es gute Beispiele in Tel Aviv, London und Lissabon.

In Deutschland gibt es noch immer keine milliardenschweren Startups wie Facebook oder den Fahrdienstvermittler Uber. Vielleicht auch deshalb, weil deutsche Investoren zu risikoscheu sind?

Das ist wohl vielmehr eine Folge davon, dass deutsche Investoren schwieriger an Geld kommen, deshalb sind sie automatisch auch konservativer.

Warum kommen deutsche Investoren nicht so leicht an Geld?

Der übliche Geldfluss in den USA ist so: Rentenfonds finanzieren Wagniskapitalgeber, diese wiederum investieren in Startups. Das ist ein sehr profitables Geschäft für die Rentenfonds …

… es ist in Deutschland aber verboten – hier dürfen Rentenfonds nicht in Wagniskapital investieren.

Genau – statt es zu unterstützen, verbietet man es! Das ist für mich absurd und unverständlich. Das zu erlauben wäre eine konkrete Fördermaßnahme, die ich unterstütze.

Wonach entscheiden Sie denn selbst, ob Sie in ein Start-up investieren?

Ich arbeite gerne mit den sogenannten Mission Driven Founders zusammen, also Unternehmern, die wirklich einen Bereich verändern wollen. Sie bauen eine starke Unternehmenskultur auf, geben nicht leicht auf und verkaufen nicht schnell. Das ist eins meiner Hauptinvestitionskriterien.

Stehen Sie dabei in Konkurrenz zu den Samwer-Brüdern, die mit Rocket Internet eine der erfolgreichsten deutschen Start-up-Schmieden aufgezogen haben?

Rocket Internet hat einen sehr großen Beitrag zum Deutschen Start-up-Ökosystem geleistet. Die Samwer-Brüder verfolgen dabei ein sehr eigenes Modell, in dem sie sich oft auf bereits erfolgreiche Geschäftsmodelle fokussieren. Ich hingegen unterstütze oft Firmen, die ein Produkt entwickeln, das es bis dahin noch nicht gab.

Neuerdings setzen Sie mit Atlantic Food Labs auf Startups aus dem Bereich Ernährung. Was interessiert Sie an der Branche?

Wie jede Industrie verändert sich auch die Ernährungsindustrie. Hinzu kommt, dass die Kundennachfrage und die Erwartungen sich momentan schneller ändern, als die Industrie reagieren kann – beispielsweise realisieren die Leute erst jetzt, dass sie viel zu viel Zucker essen.

Auch in Deutschland?

Gerade die Deutschen haben in der Vergangenheit sehr wenig für Essen ausgegeben. Die neue Generation dagegen hat eine andere Definition von Luxus: Sie will kein Auto mehr besitzen, schätzt aber umso mehr Qualität und Service beim Essen. Hier entsteht eine Lücke – und die will ich nutzen.

Fürchten Sie die Konkurrenz durch Nahrungsmittelgiganten wie Unilever oder Kraft?

Ich habe drei Jahre bei Nokia gearbeitet und selbst miterlebt, dass auch sehr gut geführte Firmen ab einer bestimmten Größe Probleme haben, sich neu zu erfinden und Innovation im eigenen Unternehmen zu entwickeln. Umso wichtiger ist es deshalb, dass solche Konzerne sich auch außerhalb ihrer eigenen vier Wände umsehen, das heißt auch zukaufen und investieren.

Welcher Bereich reizt Sie derzeit noch neben der Lebensmittelindustrie?

Die Zukunft der Arbeit. Die Rolle von Unternehmen verändert sich momentan enorm, es entstehen virtuelle Firmen, die die Art und Weise, wie Arbeit verteilt und geteilt wird, revolutionieren. Das wird sich in den nächsten 20 Jahren stark verändern.

Weshalb?

Schon jetzt ist es für viele Menschen normal, freiberuflich tätig zu sein. Sie wollen flexible Arbeitsmöglichkeiten statt einen festen Job. Um dieses Thema herum werden deshalb viele Firmen entstehen, mit unserer Zeitarbeitsfirma Zenjob haben wir bereits angefangen.

Bald braucht man vielleicht deutlich weniger Arbeitnehmer, weil durch die fortschreitende Digitalisierung und Robotisierung ein Großteil der Arbeitsplätze wegfällt?

Dieser Prozess wird sicher länger dauern, als man heute annimmt – aber dieser Wandel wird auch fundamentaler werden, als man heute denkt. Deshalb bin ich auch ein Verfechter des bedingungslosen Grundeinkommens.

Warum das?

Das bedingungslose Grundeinkommen ermöglicht es, den Stellenwert von Arbeit neu zu definieren. Es kann eine Zukunft ermöglichen, in der es weniger Arbeit für mehr Arbeitskräfte gibt. Denn sich gegen eine solche Zukunft und die Digitalisierung zu wehren, wird langfristig nicht zielführend sein.

Sie selbst könnten längst aufhören, zu arbeiten – machen aber trotzdem weiter.

Startups zu begleiten bedeutet immer ein Auf und Ab. Aber es ist sehr befriedigend, wenn ein Unternehmer aus sehr wenig sehr viel macht und eine große Firma aufbaut. Diese Wertschöpfung zu begleiten, ist äußerst spannend – und intellektuell anspruchsvoll, da wir im Endeffekt daran arbeiten, die Wirtschaft neu zu erfinden.

Inwiefern?

Die kommenden 15 Jahre bieten eine einmalige Chance. In dieser Zeitspanne wird die Grundlage für eine neue Wirtschaft entstehen, vergleichbar vielleicht mit den Gründerzeiten Anfang dieses Jahrhunderts.

Und Berlin kann dabei eine führende Rolle einnehmen?

Jede Industrie wird neu bedacht, neue Geschäftsmodelle entstehen – weil diese Entwicklung meist außerhalb von existierenden Strukturen stattfindet, kann sich Berlin jetzt gut für die Zukunft positionieren. Europaweit gesehen hat die Stadt am meisten Wachstumspotenzial, aber noch liegt London weit vorne.

Das Interview führte Sebastian Gluschak.