Der Herr der Crowd. Hans Speidel hat Crowd Guru 2008 mitbegründet. Foto: Hendrik Lehmann

Die Klick-Arbeiter

Crowdworker erledigen online einfache Jobs – für ein paar Cent bis ein paar Euro. Das Berliner Unternehmen Crowd Guru betreibt eine dieser Plattformen. Ein Besuch beim Gründer – und einem der Mitarbeiter.

Schlesische Straße, Kreuzberg. Wo früher einmal Tagelöhner in den Industriebetrieben nahe der Spree arbeiteten, haben sich Medienunternehmen angesiedelt. Eine alte Autowerkstatt im Innenhof von Hausnummer 26 erinnert noch am ehesten an diese Zeit der dreckigen Hände und Staublungen. Drei Stockwerke höher sitzt eine Firma, die mehr Tagelöhner beschäftigt als eine der früheren Fabriken hier je hatte: Crowd Guru heißt sie, nach eigenen Angaben arbeiten 40 000 Menschen für sie, es sind Tagelöhner des digitalen Zeitalters.

Sie werden gebraucht, weil viele Daten, die man im Netz findet noch immer nicht automatisch gesammelt werden. Es braucht Menschen, die sie zusammenstellen. Beispielsweise um Adressdaten für die „Gelben Seiten“ aufzuwerten: „Früher hatte man die Adresse und Telefonnummer von einer Firma. Heute will man auch noch die Homepage, die Öffnungszeiten und die Spezialisierungen eines Betriebs wissen“, erklärt Crowd-Guru-Geschäftsführer Hans Speidel, 41, als er durch das weiß-getünchte Großraumbüro führt. Gerade einmal 15 festangestellte Mitarbeiter zählt seine Firma, die er 2008 mitgegründet hat. An einer Wand hängt eine Weltkarte, Pins markieren die Standorte der „Gurus“, wie er die 40 000 freien Mitarbeiter nennt.

Will ein Kunde beispielsweise die Öffnungszeiten von 50 000 Firmen in Berlin wissen, kommen die „Gurus“ ins Spiel. Einer der Projektmanager im Büro zerteilt die Liste von 50 000 Firmen in 50 000 einzelne Aufgaben. Ein kleiner Text zu der Aufgabe erklärt, wie die Öffnungszeiten zu suchen und einzutragen sind. Die „Gurus“ können in einer Eingabemaske auf ihrem PC zu Hause so viele dieser Aufgaben erledigen wie sie wollen. Für jede abgeschlossene Aufgabe gibt es ein paar Cent. „Dadurch, dass dann Tausende gleichzeitig daran arbeiten, können wir das in wenigen Tagen erledigen“, erklärt Speidel das Konzept. Würden die „Gelben Seiten“ damit stattdessen zwei Studenten beauftragen, bräuchten sie wohl Jahre dafür.

Wer „Guru“ werden will meldet sich auf der Seite CrowdGuru.de an, absolviert einen kurzen Test und kann dann Aufgaben annehmen. Die Recherche von Öffnungszeiten bringt ein paar Cents, man erledigt so viele hintereinander wie man will oder kann. Am Ende des Monats überweist Crowd Guru alles, was man sich im Laufe des Monats zusammengeklickt hat. 70 bis 120 Euro verdiene ein „Guru“ durchschnittlich – pro Monat.

Hunger nach Text

Für wen ist ein solches Arbeitsmodell attraktiv? Für Studenten, zum Beispiel, oder Selbstständige, die ihre Leerläufe überbrücken wollen, sagt Speidel: „Inzwischen haben wir aber auch viele Mütter, die sich in ihrer Elternzeit, wenn das Kind schläft, mal ne Stunde hinsetzen und ein bisschen was machen.“ Auch Rentner oder Menschen, die aus anderen Gründen ans Zuhause gebunden sind nutzen die Plattform zunehmend. Menschen also, die auf dem klassischen Arbeitsmarkt schlechte Chancen haben.

Die Karte zeigt die Standorte aller Mitarbeiter von Crowd Guru im Zeitraum Juni 2015 bis Februar 2016. Sie verteilen sich über ganz Deutschland – und zunehmend darüber hinaus. Datenquelle: Erhebung von Crowd Guru

Neben dem Suchen von Adressen können solche Aufgaben darin bestehen, den aktuellen Flugpreis von A nach B bei Ryanair herauszufinden, anzuklicken, welche Farbe ein Vorhang hat, abzuschreiben, was auf einem abfotografierten Kassenzettel steht. Etwas komplexer – und deshalb besser bezahlt – sind Textaufgaben. Die Explosion des Online-Handels hat einen unstillbaren Hunger nach Texten hervorgebracht. Zalando, Otto, Bauhaus. Sie alle verkaufen hunderttausende Produkte, die alle einen kurzen Beschreibungstext brauchen.

Die besonderen Eigenschaften von Gardinen

Daniel D. ist einer dieser Texter. Der 27-Jährige ist vor einem Jahr durch einen Zeitungsartikel auf Crowdworking gestoßen. Er hat sich dann bei zwei Anbietern angemeldet, Crowd Guru und Textbroker. „Dann gab es erstmal gleich platt Einstellungstests“, erzählt er nüchtern. Anschließend dauerte es eine Woche bis sich jemand von Crowd Guru zurück gemeldet habe. Er hatte sich für die sogenannten „Textjobs“ qualifiziert und konnte mit der Arbeit beginnen.

Daniel D. arbeitet bei Crowd Guru. Auf das Geld ist er angewiesen.

Auf dem Schreibtisch seines Studentenzimmers im Wedding steht eine große Sanduhr aus Glas. „Die habe ich am Anfang benutzt um zu messen, ob ich einen Text in einer Zeit schreiben kann, die sich lohnt“, erzählt Daniel, der an der TU Ingenieurswissenschaften studiert. Nach 25 Minuten ist sie durchgelaufen. Hat er es geschafft in dieser Zeit eine Produktbeschreibung zu verfassen, hat es sich gelohnt. Gelohnt, das heißt für ihn, er kommt auf einen Stundenlohn der über 5 oder 6 Euro liegt, bei guten Aufträgen auch mal bei 10 Euro. Daniel macht nur Texte, Daten und Recherchejobs sind ihm zu langweilig und bringen zu wenig ein, sagt er: „Dieses digitale Fließbandzeug, wie Flugpreise recherchieren, das lohnt sich für mich nicht.“ Damit man es mit solchen Jobs auf Stundenlöhne über drei Euro bringe, müsse man wahnsinnig schnell sein.

Texte hingegen, das klappt für ihn ganz gut. Vor allem Werkzeug und Inneneinrichtung übernimmt er gerne. Bohrer, Schränke, Kommoden. „Ich habe schon so viele neue Beschreibungen für Eigenschaften von Gardinen gefunden“, sagt er und lacht, „universal einsetzbar, stilvoll, schlicht, die Wörter passen meistens“. Daniel spricht ruhig und distanziert über diese Arbeit. Warum er sie macht? „Naja, das ist das kleine bisschen Geld, was mir sonst fehlt“, sagt er. Er hat zwar neben seinem Studium noch einen Studentenjob in einem Forschungsinstitut und bekommt etwas Unterstützung von seinen Eltern. Aber ganz reicht das nicht. „Klar, man kann am Essen sparen und nur noch Brot essen“, sagt er. Aber mehr geht nicht. Auf 50 bis 100 Euro im Monat muss er bei Crowd Guru kommen, sonst wird es knapp. Meist schafft er um die 150 Euro. Aber ganz darauf angewiesen sein, das möchte er nicht. Immer wieder sagt er das.

Wettlauf gegen die Zeit. Nur wer schnell arbeitet, kommt auf einen Stundenlohn über acht Euro.

Die Vorteile von Crowd Guru liegen für ihn auf der Hand: „Auflauf im Ofen, zack, kurz ein Text geschrieben. Eine halbe Stunde Pause zwischen zwei Seminaren, noch ein Gardinentext.“ Daniel lacht. Ein Text mit 160 Wörtern bringt 1,50 bis zwei Euro. Das ist ok, sagt er. Diese Flexibilität ist für Daniel das Hauptargument. Außerdem findet er die Leute bei Crowd Guru nett. „Ich habe die zwar noch nie gesehen“, sagt er. Aber ab und zu kämen Feedback-Mails, meist vom gleichen Qualitätsmanager. „Irgendwie fühle ich mich schon als Mitarbeiter von denen“, sagt Daniel. Sein größtes Problem ist die schwankende Auftragslage, sagt er. Wenn alle Gardinen für einen Baumarkt betextet seien, seien diese Aufträge eben plötzlich wieder weg. Und das bedeutet Unsicherheit, schließlich ist er auf den Zuverdienst angewiesen. Doch die Textaufträge machen bei dem Crowdworking-Anbieter nur noch 20-30 Prozent der Aufträge aus. „Das ist ein extrem volatiler Markt“, sagt Geschäftsführer Speidel. Der Rest ist Datenverarbeitung und Recherche, also das „digitale Fließbandzeugs“, das Daniel nicht machen möchte.

Eine neue Form des Outsourcing

Inzwischen beschäftigen sich auch die Gewerkschaften mit dem Phänomen Crowdworking. „Als IBM 2012 begonnen hat Teile der Arbeit an die crowd zu vergeben, sind wir richtig auf das Problem aufmerksam geworden“, erzählt Karl-Heinz Brandl von der Dienstleistungsgewerkschaft ver.di. Die Gewerkschaften kritisieren vor allem fehlende Mitbestimmungsmöglichkeiten, niedrige Löhne und fehlende soziale Absicherung. Klickarbeiter wie Daniel haben keinen Kündigungsschutz oder Anspruch auf Lohnfortzahlung bei Krankheit. Und während die „Gurus“ hauptsächlich aus Deutschland kommen, sieht Brandl ein weiteres Problem: „Es kommt zu weltweitem Lohndumping“, warnt er. Schließlich können viele der typischen Aufgaben problemlos von Vietnam oder Indien aus gelöst werden. Viele Plattformen haben bereits eine internationale crowd. So könne es zu einer Abwärtsspirale bei den Löhnen kommen. Weltweit gibt es bereits Tausende solcher Plattformen, in Deutschland sind es etwa 40 und nach Schätzung der IG Metall etwa eine Million Crowdworker. Die größte deutsche Plattform clickworker wirbt inzwischen mit 700 000 „on-demand workers“ und Kunden wie Honda oder T-Mobile. Immer mehr Firmen entdecken die Möglichkeit des Outsourcing an die Crowd – „Crowdsourcing“.

Aufträge aus Berlin und dem Rest der Welt. Die meisten Kunden von Crowd Guru sind in Berlin angesiedelt. Andere kommen aus England oder Kalifornien. Datenquelle: Erhebung von Crowd Guru

„Eigentlich lässt sich das nur international regulieren, wir brauchen weltweite Standards für gute Arbeit in der Cloud“, sagt Brandl. Er arbeitet schon an Initiativen in diese Richtung. Dennoch wirken die deutschen Gewerkschaften oft etwas verloren in der Cloud. Ihre traditionellen Methoden greifen beim Crowdworking kaum. Die IG Metall hat nun eine Plattform entwickelt auf der die unterschiedlichen Firmen nach Kriterien wie Bezahlung, Arbeitsqualität oder Kommunikation bewertet werden. Daniel, dem Student aus dem Wedding, hat diese Plattform vor allem aus einem Grund geholfen: Er hat hier noch eine Alternative zu Crowd Guru gefunden. Wenn die Textjobs mal knapp sind, testet er nun Software und Apps für einen anderen Anbieter.

Die Zukunft der Arbeit?

Ist das die Zukunft der Arbeit in der jeder nur noch genau dann bezahlt wird, wenn eine Firma ihn gerade braucht? Eher nicht, da sind sich der Gewerkschafter Brandl und der Unternehmer Speidel einig. Die Branche wird weiter wachsen, das sagen beide. Aber sie sehen auch die Grenzen. Speidel beschreibt die Tätigkeit seines Unternehmens eher als vorrübergehende Nische, nicht als „das nächste große Ding“. Sein Argument geht in eine andere Richtung: „Unser größter Konkurrent ist die technische Weiterentwicklung. Viele Tätigkeiten die heute noch ein Mensch machen muss, können bald Maschinen“. Einige Kunden benutzen Crowd Guru genau dafür: Sie lassen die „Gurus“ Aufgaben lösen, um die Algorithmen ihrer Computer zu trainieren. „Wir helfen dabei, dass die Maschinen lernen das zu tun, was gerade wir noch tun“. Dieses Bild entbehrt nicht einer gewissen Ironie: Tausende von prekären Klickarbeitern, die daran arbeiten sich selbst überflüssig zu machen.