Der blutige Grenzkonflikt. Der Guardian arbeitet UN-Zahlen zu den Protesten im Gazastreifen auf. Screenshot Tagesspiegel von Guardian: »Gaza border protests«

Datenspiegel #11: Eine Analyse der Toten und Verletzten im Gazastreifen

Der Guardian hat die Toten und Verletzen im Gazastreifen für 2018 analysiert. Außerdem im Datenspiegel: Über die Zustimmung zu Obamacare und typische Fehler in Infografiken.

Überall auf der Welt versuchen Medien, mit Datenanalysen, Infografiken und Crossmedia-Geschichten, den Journalismus weiterzudenken. An dieser Stelle sammelt das Team des Tagesspiegel Innovation Lab seine Lieblingsgeschichten – jede Woche. Diesmal mit der veränderten Zustimmung zu Obamacare, typischen Fehlern in Infografiken und den Todesopfern im Gazastreifen.

Tote im Gazastreifen

Datenvisualisierung kann auch helfen, einfache Studien oder Berichte aufzubereiten. Was in anderen Häusern wohl ein schlichter Fließtext zu dem UN-Bericht zur Lage im Gaza-Streifen gewesen wäre, wird hier zur Scroll-Story. Verschieden große Datenblasen zeigen die Zahlen der Toten und Verletzten im Gazastreifen im Jahr 2018, in welchen Monaten wie viele Menschen getötet oder verletzt wurden, durch welche Waffen und wie die Verteilung zwischen Männern und Frauen sowie Jungen und Mädchen war.

Zu jeder Grafik stellten die Guardian-Journalisten ein Foto, oft von einem Einzelfall, der den Zahlen ein Gesicht gibt. Obwohl diese Visualisierung vom Schreibtisch recherchiert wurde, ist sie doch wesentlich lebendiger und anschaulicher als der einfache Fließtext. Was allerdings schön gewesen wäre, um der journalistischen Ausgewogenheit zu entsprechen: Durchgehende Vergleiche, etwa mit der Situation auf der israelischen Seite der Grenze. Das wäre angebracht gewesen, um den ohnehin erhitzten Konflikt nicht zu einseitig darzustellen.

Obamacare im Test der Zeit

Kleiner Knick mit großer Bedeutung: Zum Amtsantritt Trumps akzeptierten mehr neutrale Wähler Obamacare als zuvor. Screenshot:Tsp

Bekanntlich will man ja oft haben, was man nicht bekommen kann. Ob das auch für Krankenversicherungen gilt? Das testete die Kaiser Family Foundation in ihre Umfragen zu Obamacare, die sie seit 2010 kontinuierlich durchführte. Darin fragte sie Unterstützer der Republikaner und Demokraten sowie neutrale Wähler, wie hoch ihre Zustimmung zur öffentlichen Gesundheitsversorgung sei. Ende 2016 kam der Wendepunkt: US-Amerikaner, die keiner der beiden Parteien zugeneigt waren, unterstützten das Programm erstmals überwiegend. Die Hypothese des Artikels scheint damit bestätigt. Angesichts der Bemühungen Trumps, Obamacare zu kippen, besannen sich die Amerikaner auf die guten Seiten der Maßnahme, die damals nur unter großen Kämpfen umgesetzt werden konnte. Nur: Reicht das zeitlich Zusammenfallen von Trumps Amtsantritt und eines leichten Anstiegs in der Unterstützung der neutralen Wähler, um die These zu belegen? Oder gibt es auch noch andere Einflussfaktoren, zum Beispiel die Zeit, die den Amerikanern die Vorzüge der gesetzlichen Krankenversicherung am eigenen Leib erfahren ließ?

Ein how-not-to-do-it des Datenjournalismus

Die perfekte Korrelation? In diesem Fall stellt sie sich als schwach heraus, wenn man die Daten anders darstellt. Screenshot:Tsp

Bei all dem Lob für Datenjournalismus in den letzten Jahren kann ein bisschen Selbstkritik nicht schaden, aus Fehlern lernt man bekanntlich am besten. Der “Economist” steht zu seinen und zeigt in einem Artikel, wie misslungene Datenvisualisierungen besser gemacht werden können. Der Klassiker dabei: Die abgeschnittene y-Achse, die einen Trend viel steiler aussehen lässt, als er mit einem Start beim Nullpunkt aussähe. Oder das Balkendigramm, das die Facebook-Likes von Jeremy Corbyn beschneidet und viel mickriger aussehen lässt als die seiner weniger Social-Media-affinen Konkurrenten. Auch die penibel eingetragenen Datenpunkte zum Meinungsumschwung in puncto Brexit sähen in einer gemittelten Kurve verständlicher aus. Am unterhaltsamsten (und nerdigsten) ist aber wohl die Grafik zum Zusammenhang zwischen Durchschnittsgewicht und Halsumfang britischer Hunde. Entzerrt man das Spektrum, stellt sich die vermeintliche Korrelation als wesentlich schwächer heraus.