Frauen an einen Tisch. Shaghayegh Karioon startet ein Coworking Space nur für Frauen. Foto: Privat

Ein Coworking Space nur für Frauen

Erstmals eröffnet in Berlin ein rein weiblicher Coworking Space. In den USA ist das schon ein großes Geschäft.

Schon vor fünf Jahren hatte Shaghayegh Karioon die Idee, einen Coworking Space speziell für Frauen zu gründen. Nach zwei Jahren Suche hatte sie Geld und eine passende Immobilie gefunden. „Nur meine eigene Überzeugung habe ich nach den vielen Diskussionen und der intensiven Recherche verloren“, sagt Karioon. Sie bekam Angst und Zweifel an der Idee, daher entschied sie sich, lieber einen klassischen gemischten Coworking Space zu eröffnen, indem sich Freiberufler und Start-ups Arbeitsplätze mieten können.

Doch nun ist es so weit – in dieser Woche eröffnet in der Prenzlauer Allee der erste Coworking Space speziell für Frauen. Statt einen Ableger ihres Coworking Spaces Amapola zu eröffnen, probiert es die Gründerin mit dem Ursprungskonzept unter dem Namen Wonder. Ein gemeinsamer Arbeitsplatz, an dem selbstständige Frauen, Gründerinnen und kreative Köpfe zusammenkommen können. Wie gerade solch eine Abgrenzung der Geschlechter den Unterschied zwischen Männern und Frauen verringern soll, muss Gründerin Shaghayegh Karioon oft erklären.

Mutprobe

Wie bei sich selbst beobachtet Karioon auch bei anderen Frauen oft fehlenden Mut. Nur wenige gründen ein eigenes Unternehmen. „Frauen nehmen sich oft zurück, wenn sie unter Männern sind“, sagte Karioon. Auch wenn sie nicht genau wisse warum, würden sich Frauen unter Männern oft weniger trauen und zurückhaltender auftreten. Der neue Coworking Space soll deswegen eine neue Umgebung schaffen. „Ich finde, dass Gründerinnen und Managerinnen in der Gesellschaft viel stärker gefördert werden müssen“, sagt Karioon. Ihr hatte das bei ihrer ersten Gründung gefehlt.

Frauen verdienen im Schnitt 21 Prozent weniger als Männer in Deutschland. In Startups ist der Unterschied sogar noch höher. Das Statistische Bundesamt spricht von einem großen Gender Gap, der zwischen den Geschlechtern klafft. Damit gehört Deutschland im Europavergleich zu den Schlusslichtern. Auch hinsichtlich der Selbstständigkeit gibt es deutliche Unterschiede zwischen Männern und Frauen.

Zwar machen Frauen mit rund 40 Prozent einen großen Teil der Selbstständigen in Deutschland aus. Der Frauenanteil sinkt jedoch rapide beim Blick auf Startups. Unternehmen werden nur in 15 Prozent aller Fälle von Frauen gegründet. Zu diesem Ergebnis kommt der Deutsche Startup Monitor 2017. Das ist sehr wenig. In Berlin klettert die Zahl mit 16,2 Prozent minimal über den Bundesdurchschnitt. In München und Hamburg liegt der Anteil mit 10,5 deutlich darunter.

Besonders stark betroffen sind die Bereiche der Digital-Szene. Das Ungleichgewicht zwischen Männern und Frauen im Bereich der Unternehmensgründung zeigt sich früh , beispielsweise beim Businessplan-Wettbewerb Startup Teens für Jugendliche zwischen 14 und 19 Jahre. Nur ein Viertel aller Ideen wurde von Mädchen eingereicht.

Vorbild USA

Und auch in vielen Coworking Spaces ist das Ungleichgewicht zu beobachten. Auch bei Karioons Amapola ist der Frauenanteil mit 15 bis 30 Prozent gering. Um diese Lücke zu schließen, richten sich in Nordamerika schon seit Längerem einige Coworking Spaces speziell an Frauen. Der amerikanische Anbieter The Wings hat bereits vier Standorte in New York und Washington DC, ein weiterer soll im Oktober in San Francisco eröffnen. Auch in anderen Städten wie Chicago, Los Angeles oder Toronto gibt es solche Angebote.

Deutschland ist davon noch weit entfernt. Mit Wonder Coworking wird nun ein erster Versuch gemacht. 40 Frauen bietet er Platz, erste Anfragen gingen bereits ein. Sind Männer im Coworking Space komplett verboten? Nein. Der Fokus liege zwar auf der Förderung von Frauen, Männer sind in den Teams aber dennoch erlaubt. Es gehe nicht darum, jemand auszuschließen, sondern um eine aktive Förderung - durch ein starkes Netzwerk, den Austausch untereinander und den Wissensinput von erfolgreichen Gründerinnen.

Die Kinderfrage

Aus eigener Erfahrung weiß Kairoon zudem, dass Kinder dabei oft mitberücksichtigt werden müssen. Spielecke und Wickeltisch sind deshalb eingeplant. Die Bibliothek soll als Stillraum genutzt werden können. Lieber sollen Frauen ihre Kinder mitbringen, als einen Termin nicht wahrnehmen zu können.

Tatsächlich sind Kinder einer der Hauptgründe, warum der Frauenanteil in den Gemeinschaftsbüros geringer ist. So zeigt der Global Coworking Survey 2017, dass der Anteil weiblicher Mitglieder insbesondere in der Altersgruppe zwischen 30 und 50 Jahren geringer ist und vor allem ab dem zweiten Kind rapide abnimmt. Mit Jugglehub und Toddler gibt es dabei auch in Berlin schon Coworking-Anbieter, die auch Kinderbetreuung mit anbieten.

Auch die Großen schaffen Angebote für Frauen

Auch die großen Anbieter in der Berliner Coworking-Szene setzen auf die Förderung von Frauen. We Work hat in Berlin fünf Standorte mit insgesamt 6000 Mitgliedern. Mit der Initiative She Leads setzen sie sich für eine bessere Vernetzung von Frauen ein. Rent24 bietet Berliner Startups an drei Standorten rund 3000 Mitgliedern Raum zum Arbeiten. Bereits nahezu die Hälfte ihrer Mitglieder ist weiblich. Für sie bieten Rent24 verschiedene Veranstaltungen an, wie zum Beispiel den Female Founders Fireside Chat, mit Tipps von Frauen für Frauen.

Auch zeigen die Zahlen des Global Coworking Survey 2017, dass der Frauenanteil kontinuierlich steige. Die Mitglieder und Betreiber schätzten ihn zuletzt auf 40 Prozent. Bleibt da überhaupt ein Bedarf für spezielle Frauen-Bürogemeinschaften? Die weltweit führende Coworking-Kette scheint jedenfalls auch daran zu glauben: We Work beteiligte sich mit einer hohen Millionensumme an dem Frauen Coworking Space The Wing.